Primeurs - Stein für Steinchen
von Gustave Akakpo
Werkstattinszenierung in deutscher Sprache
Inszenierung: Tim Stefaniak
Ausstattung: Christian Held
Eine Produktion des Saarländischen Staatstheaters
Gewinner des »Primeurs«-Autorenpreises 2011
Samstag, 19. November, 18.00 Uhr in der Alten Feuerwache
In einem kleinen afrikanischen Dorf wird ein junges Mädchen von einem jungen Mann umschmeichelt und schließlich verführt. Die »Schande« wird vom Vater entdeckt und der Öffentlichkeit preisgegeben. Er verstößt seine Tochter und die einzige Strafe, die die Ehre der Tochter und vor allen Dingen die der Familie wieder herstellen könnte, ist der Tod durch Steinigung. Der junge Mann, geplagt von seinem schlechten Gewissen, und angestoßen von der älteren Schwester des Mädchens, versucht dies nun zu verhindern. Dabei nutzt er das Mittel der Verkleidung und eine Schlitzohrigkeit, die die moralische Verlogenheit der Patriarchen geradezu demaskiert.
Wie bereits in seinem beim Festival Primeurs 2008 gefeierten Stück »Die Aleppo-Beule« versteht es Gustave Akakpo offen mit Tabuthemen umzugehen. Seine Sprache ist voller Poesie, humorvoll und gleichzeitig voller Direktheit und Schärfe. So gelingt ihm mit »Stein für Steinchen« erneut auf undogmatische Weise eine differenzierte Betrachtung afrikanischer Lebenswirklichkeit und ein Plädoyer für die Überwindung überholter Gesetze und grausamer Traditionen.
Gustave Akakpo, 1974 in Aného (Togo) geboren, lebt und arbeitet in Togo, Belgien und Frankreich. Er ist Autor, Illustrator, Geschichtenerzähler und Schauspieler. Für Le Carreau, scène national de Forbach et l´est mosellan hat er in der Vergangenheit Theaterworkshops mit Laien und Schülern durchgeführt. Verlegt werden seine Werke bei der renommierten Edition Lansman in Belgien. Für »Die Aleppo-Beule« erhielt Akakpo 2008 den Publikumspreis des Festivals »Primeurs«.
Besetzung
Der junge Mann: Ron Zimmering
Das Mädchen: Natalie Hanslik
Die Schwester: Dorothea Lata
Der Vater: Heiner Take
Der zukünftige Ex-Verlobte: Georg Mitterstieler
Der zukünftige Ex-Schwiegervater: Marcel Bausch
»Primeurs«-Autorenpreis 2011: Die Begründung der Publikumsjury
Die Entscheidung für »Stein für Steinchen / À petites pierres« von Gustave Akakpo fiel nach einer sehr kontroversen Diskussion innerhalb der Publikumsjury.
Letzteres lag darin begründet, dass zwei weitere Stücke, die die Mitglieder der Jury überaus beeindruckt haben, ebenfalls in der engeren Auswahl waren. Schließlich einigte man sich aus folgenden Gründen auf »Stein für Steinchen«:
Das Stück konfrontiert den Zuschauer mit einer ihm fremden Welt und Kultur.
Der Autor zeigt uns am Beispiel des Schicksals eines jungen Mädchens die Problematik althergebrachter Traditionen auf. Die Dorfältesten – und unter ihnen sogar der Vater des jungen Mädchens – beschließen, das Mädchen zu steinigen, nachdem es sich mit einem Fremden eingelassen hat, obwohl es schon lange einem anderen Mann versprochen ist. Im Sinne des Patriarchats und der Tradition gilt zunächst allein das Mädchen für schuldig und nicht der Verführer. Die einzige Vergeltung ist die öffentliche Steinigung des Mädchens. Ziel ist die Rettung der Ehre des Mannes, in diesem Fall des Vaters und des zurückgestoßenen Verlobten.
Wie verkrustet diese Traditionen sind und welch große Angst vor Eingriffen von außen besteht, sieht man daran, dass die Steinigung rasch vor dem Eintreffen des großen Religionschefs erfolgen soll. Diese Einstellung und das Verhalten der Väter sind unserer europäischen Welt fremd und überaus brutal.
Der Autor hinterfragt festgefahrene Traditionen nicht nur durch die Präsentation dieses Geschehens, sondern auch durch die Ironisierung in Sprache und Handlung. Letztere erinnern an die Techniken Molières, mit der dieser dem Zuschauer einen Spiegel vorhielt. Wortspiele, Situationskomik einschließlich eines »Quiproquo« (Verwechslungsspiels?) amüsieren den Zuschauer, lassen ihn trotz der Dramatik zwischendurch lachen und somit aufatmen. Die poetische Sprache spricht den Zuschauer an und macht ihn an manchen Stellen zudem mit der afrikanischen Denkweise vertraut.
Wenngleich es sich hier um ein Ereignis fern ab von unserer Welt handelt, so lassen sich dennoch Parallelen zu unserer Welt ziehen. Vorurteile, verfestigte Einstellungen haben auch bei uns zum Teil unvorstellbare und brutale Reaktionen zur Folge.
Rita Beyer, Mitglied der Publikumsjury, 22. November 2011



